Berliner Initiativen – Kurdistan Kultur- und Hilfsverein e.V.

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Prinzip Heimat e.V. setzt sich ein für die Inklusion von geflüchteten Menschen durch nachhaltige Beschäftigung. Im Rahmen einer Interviewreihe stellen wir an dieser Stelle andere Berliner Initiativen vor, die geflüchteten Menschen Wege in Ausbildung und Arbeit ermöglichen. Den Anfang machte im Oktober ein Gespräch mit der Die Wille gGmbH.

Heute freuen wir uns, unser Gespräch mit den Mitarbeiterinnen des Projekts Berufsorientierung für Flüchtlingsfrauen des Kurdistan Kultur- und Hilfsvereins (KKH) e.V. zu teilen:

Berufsorientierung für Flüchtlingsfrauen des Kurdistan Kultur- und Hilfsvereins (KKH) e.V.

Susanne Wilm (Prinzip Heimat e.V.) im Gespräch mit Herta Alize Müllner, Fatma Kocadag und Britta Weyer vom KKH e.V..

Erzählen Sie uns etwas zur Entstehungsgeschichte von Ihrem Trägerverein KKH e.V. und dem Projekt Berufsorientierung für Flüchtlingsfrauen?

Der KKH e.V. wurde 1974 als Heimatverein gegründet und hat seitdem im Zuge der Entwicklungen hin zur Integration und gesellschaftlicher Teilhabe von Einwanderern sein Angebot erweitert: Neben der Pflege der kurdischen Identität ist es das Ziel, als anerkannter Bildungspartner die Inklusion aller Migrantinnen und Migranten zu fördern.

05-02_pbf-kursProjekte des Vereins umfassen Deutsch- und Integrationskurse, Beratung von Migrantinnen und Migranten, Jugendarbeit, Sprachförderung von Flüchtlingsjugendlichen, Prävention häuslicher Gewalt, zwei KITAs, das Projekt Fairplay zur Prävention von Spielsucht sowie das Projekt PBF Berufsorientierung für Flüchtlingsfrauen. Seit 2008 ist der KKH e.V. im Berliner Netzwerk für Bleiberecht – bridge vertreten, das die Arbeitsmarktinklusion von geflüchteten Menschen und Bleibeberechtigten zum Ziel hat.

Das Projekt PBF Berufsorientierung für Flüchtlingsfrauen entstand 1990 angesichts der kurdischen Flüchtlingsströme in Folge des 1. Golfkriegs. Das Ziel des Projektes ist es seitdem, Flüchtlingsfrauen und Asylbewerberinnen aller Herkunftsländer ein Qualifizierungsangebot zu bieten, das ihre Selbsthilfe und ihr Ankommen in Deutschland und Schritte hin zu Ausbildung und Arbeit fördert. Seit 1993 verfestigte sich das Konzept von einem niedrigschwelligem Angebot mit Anteilen von Schneiderei und Selbsthilfe zu einer Vorqualifizierung mit den Schwerpunkten Medizin und Pflege. Perspektivisch soll das Angebot um weitere Bereiche erweitert werden, z.B. die Vorbereitung auf Ausbildungen im Hotel- und Gastgewerbe.

Wo sehen Sie die größten Barrieren für geflüchtete Frauen, die Zugang zu Arbeit und Ausbildung suchen?

Eine wesentliche Barriere ist die Sprache: Viele Frauen, besonders wenn sie schon länger in Deutschland leben, verstehen und sprechen Deutsch, können es aber nicht schreiben. Darüberhinaus kommen viele Frauen aus ökonomischen, sozialen und/oder kulturellen Lebenszusammenhängen, in denen kaum Raum für Bildung war bzw. Bildung für Frauen keine Priorität hat und sie daher zum Teil keine oder nur geringe Schulbildung haben.
Zudem erschwert die Mehrfachbelastung durch Familie und Kinder ihre Teilhabe an Qualifizierungsmaßnahmen oder dem Arbeitsmarkt. Kinder erschliessen den Frauen aber auch wichtige Möglichkeiten des Kontakts oder Austauschs, z.B. in der KITA. Zudem finden sich zugewanderte Frauen kulturbedingt oft in der tradierten Rolle als ausschließlich Hausfrau und Mutter gefangen. Ein rückständiges Frauenbild der Ehemänner schränkt Bestrebungen der Frauen nach Autonomie durch Weiterbildung und Arbeit ein. Häusliche Gewalterfahrungen betreffen in diesem Zusammenhang Teilnehmerinnen unsere Kurse in besonderem Maße.

Welches Angebot bietet das Projekt PBF im Hinblick auf diese Barrieren?

Wir bieten den geflüchteten Frauen ein kostenloses 10-monatiges Vollzeitprogramm zur Vorbereitung auf Berufe und Ausbildungen im sozial-medizinischen Bereich mit ca. 32 Unterrichtsstunden pro Woche. Das Programm startet in der ersten Septemberwoche jeden Jahres und umfasst folgende Bausteine:
• Vermittlung berufsspezifischer Basiskenntnisse in den Bereichen Medizin und Pflege sowie Allgemeinbildung in Sozialkunde, Geschichte und Mathematik,
• Bewerbungstraining, Berufskunde und Informationen zum deutschen Ausbildungs- und Arbeitsmarkt,
• Intensiver Deutschunterricht (mit Vorbereitung zur B1 Prüfung) und Basiskurs Englisch
• PC-Unterricht
• ein dreiwöchiges Orientierungspraktikum

Am Ende des Programms erhalten die Teilnehmerinnen eine Teilnahmebestätigung oder nach bestandenem Test ein Zeugnis. Kursbegleitend wird eine Kinderbetreuung angeboten, um sicherzustellen, dass auch Mütter mit Babys das Angebot nutzen können. Im Rahmen unseres einzelfallorientierten Ansatzes ergänzen eine sozialpädagogische Begleitung (z.B. Hilfe bei Antragsstellungen, psychosoziale Begleitung), individuelle Weiterbildungs- bzw. Übergangs-beratung und Nachbetreuung nach Kursende sowie eine Rechtsberatung das Programm.

Finanziert wird das Projekt aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds sowie von der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen.

Wer genau ist Ihre Zielgruppe und wie können diese Ihr Angebot nutzen?

Unsere Zielgruppe umfasst Frauen in laufenden Asylverfahren, geduldete Frauen, anerkannte Flüchtlinge oder Frauen mit Aufenthaltserlaubnis sowie Frauen, die über die Härtefallkommission kommen.
Im Durchschnitt nehmen jährlich 15 Frauen aus unterschiedlichsten Herkunftsländern an dem Programm teil, z.B. Kenia, Nigeria, Äthiopien, Afghanistan, Syrien, Irak, Iran, Libanon, Palästina, ehemalige Sowjetrepubliken, asiatische Länder wie Vietnam und Thailand und lateinamerikanische Länder wie Chile und Kolumbien. Am Programm nehmen im Moment keine syrischen Frauen teil, da für diese Gruppe gesonderte Verfahren existieren mit einer schnellen Asylanerkennung und damit einem direkten Zugang zu den Job Centern mit Integrationskursberechtigung und geförderten Qualifizierungen.

Ein Teil der Teinehmerinnen ist sehr jung, wir haben aber auch Frauen über 40. Selbst wenn eine Bewerberin nicht in unserem Programm aufgenommen werden kann, bemühen wir uns um eine Vermittlung in ein geeignetes Angebot (z.B. Sprachkurse).

Die Anmeldung erfolgt in der Regel persönlich in unserem Büro in der Buschkrugallee, nach vorheriger Terminabsprache. Sie umfasst eine kurze Aufnahme des Schul- und Ausbildungshintergrunds und einen kurzen Einstufungstest, der uns eine Einschätzung erlaubt, ob die Bewerberinnen das Kursgeschehen verfolgen können. Zugangsvoraussetzungen bzw. Auswahlkriterien sind neben Sprachkenntnissen (A2) Interesse, Motivation und Lernbereitschaft sowie besondere Härtefälle.

Was sind für Sie die wichtigsten Erfahrungen aus Ihrer bisherigen Arbeit, wenn es darum geht, den Zugang zu Arbeit und Ausbildung für geflüchtete Frauen zu verbessern?

Unsere langjährige Erfahrung hat gezeigt, dass es wichtig ist, diesen Frauen einen geschützten Raum zu bieten, in dem sie sich öffnen können – die Verbindung einer sicheren Lernatmosphäre mit dem Gefühl, dass wir sie in allen anderen relevanten Lebensbereichen unterstützen, z.B. bei Wohnungssuche, asylrechtlichen Fragen usw. Unsere Arbeit hat einen sehr hohen Beratungsanteil: der Unterricht wäre ohne umfassende und individuelle Beratung nicht durchführbar angesichts der Belastungen der Teilnehmerinnen: Viele Frauen bringen zum Teil dramatische Fluchterfahrungen und Probleme durch die Situation in den Flüchtlingsheimen mit, was sich manchmal zu krisenhaften Situationen zuspitzt. Um diese ganzheitliche Unterstützung zu bieten, arbeiten wir in einem Netzwerk von Projekten mit entsprechenden Angeboten.

Wichtig ist neben der Vermittlung theoretischen Wissens vor allem das Praktikum, das den Teilnehmerinnen die Möglichkeit gibt, sich zu erproben und in einem Arbeitszusammenhang als kompetent und aktiv zu erleben. Unsere Erfahrung zeigt, dass nicht alle Teilnehmerinnen ein Bewusstsein über ihre Situation als Frau und andere Lebensentwürfe von Frauen jenseits der Familie mitbringen und ihnen es nicht leicht fällt, aus oft religiös geprägten Rollenbildern herauszukommen. Aber wir sehen auch, dass die Vielfalt im Kurs den Frauen wichtige Lernerfahrungen ermöglicht. Die multikulturellen Kursgruppen bieten nicht nur Konfliktpotential sondern auch die Möglichkeit, den Umgang mit dieser Diversität zu erproben und sie schätzen zu lernen.

Kontakt:

Projekt PBF Berufsorientierung für Flüchtlingsfrauen im KKH e.V.
Buschkrugallee 23, 12359 Berlin
Tel.: 030/ 56 82 18 77
Mail: projektpbf@kkh-ev.de
www.kkh-ev.de/bff.html

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